Leseprobe



Für alle die, die mal einen Blick in mein "Requiem für den Kanzler" werfen wollen, habe ich in der Folge drei kleinere Textstellen ausgewählt, die euch einige der wesentliche Figuren näher vorstellen.

1. Vorspiel

Mittwoch, 14. Juni 2017, 21.45 Uhr

Er überwand sich und legte von hinten die Hand auf die Stirn
des alten Mannes. Er spürte dessen Wärme. Fest drückte er
den kleinen Kopf mit dem lichten Haar an seine Schulter.
Er fühlte den knochigen Rücken des Alten, der ihm hilflos
zu entkommen suchte, an seiner Brust. Für einen Wimpernschlag
nahm er einen Geruch nach Mottenkugeln wahr.
»Inschallah.« Wie ein leises Wischen klang die Schneide,
als sie eine tiefe, klaffende Wunde durch die faltige Kehle
grub.
Noch ein letztes Gurgeln, und der kraftlose Körper glitt
vor ihm zu Boden. Er zögerte einen Augenblick, überrascht,
wie einfach es gewesen war, ein Leben zum Erlöschen zu
bringen.
Laut kreischend erhob sich ein Paar giftgrüner Halsbandsittiche,
eine Papageienart, die nach und nach auch die
Platanen des Philosophenplatzes eroberte, und flog davon.
Das eigentümliche Geschrei der tropischen Vögel verlieh
der Situation eine unwirkliche Note. Aydin fühlte einen
kalten Schauer auf seinem Rücken.
Schockiert starrte er auf das blutige Messer und seine mit
Blutspritzern übersäte Hand. Ekel drohte ihn zu übermannen.
Hektisch wischte er beides am Hemd des Sterbenden
ab und flüchtete unter den Augen seines Bruders in eine
dunkle Seitenstraße in der Mannheimer Oststadt.

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2. Bezzera

Samstag, 17. Juni 2017, 9.15 Uhr

»Kommst du noch oder soll ich alleine frühstücken?«, fragte
Irina genervt.
Verdammt! Er hatte den Wecker überhört. Dabei war es
seine Idee gewesen, sich heute mit ihr zu einem ausgiebigen
Frühstück zu verabreden. Nach den beiden hektischen
Wochen, in denen sie fast täglich eine Prüfung zu bewältigen
hatte und häufig ohne einen anständigen Morgenkaffee aus
dem Haus stürzte, hatte sie es nun fürs Erste geschafft. Das
vierte Semester ihres Betriebswirtschafts-Studiums, das sie
in Mannheim an der Uni absolvierte, lag endlich hinter ihr.
Eigentlich wollten sie heute den Tag gemütlich beginnen
lassen.
     »Ich komme gleich!«, rief er aus seinem Schlafzimmer
in die Küche hinunter.
     »Beeil dich! Die Cornetti sind noch so schön warm.«
     ›Auch das noch‹, dachte André. ›Erst versetze ich sie und
dann muss sie auch noch zum Bäcker laufen.‹
André mochte es nicht, unzuverlässig zu sein. Wenn ihm
dies einer Frau gegenüber passierte, wurmte es ihn erst recht.
Er war ein Mann jener Sorte, die man häufig mit der Floskel
»alte Schule« bedachte.
Mühsam entwand er sich im gepflegten blauen Satinpyjama
dem Bett.
Hätte er nicht verschlafen, hätte er sich rasch geduscht
und straßentauglich angezogen. Es entsprach ganz und
gar nicht seinem Wesen, sich Fremden im Schlafanzug zu

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zeigen. Dabei war sie ihm, objektiv gesehen, alles andere
als fremd. Die russische Auslandsstudentin aus Speyers
Partnerstadt Kursk lebte nun schon seit zwei Jahren bei
ihm. Ihr Mietverhältnis, das sich anfänglich nur auf ein
kleines Zimmer mit Bad beschränkt hatte, hatte sich mehr
und mehr zu einer Wohngemeinschaft fortentwickelt. So,
dass sie sich den Haushalt teilten und immer, wenn sich
die Gelegenheit bot, die Mahlzeiten miteinander einnahmen.
Wenn er ehrlich zu sich war, musste er sich eingestehen,
dass längst so etwas wie ein Vater-Tochter-Verhältnis
zwischen ihnen herangereift war. Obwohl er ihre Gegenwart
in seinem Haus genoss, empfand er es in Momenten
wie diesem als belastend, einen Menschen so nahe an sich
herankommen zu lassen.
     ›Sei’s drum‹, dachte er. ›Wer ist schon ohne Widersprüche?‹
Im Übrigen war dauernde Einsamkeit auch keine
Alternative.
Als er die Küche betrat, saß sie bereits am Tisch. Eine
dünne, blasse 23-Jährige, die man leicht auch fünf Jahre
jünger hätte schätzen können. Sie trug ausgebleichte Shorts
und ein völlig verzogenes, überweites T-Shirt, in dem sie
bereits die Nacht verbracht hatte – ihre übliche Schlafmontur.
Lässig hatte sie ihre nackten Füße auf der Sitzfläche
ihres Stuhles abgestellt, und ihr Kopf ruhte lauernd auf
ihren Knien. Spitzbübisch lächelnd, sprach sie ihn an: »Ui,
der alte Mann im Negligé, welch seltener Anblick. Guten
Morgen, der Herr!«
     »Morgen«, brummte André gespielt genervt.
     »Und mit dem falschen Fuß aufgestanden sind wir auch
noch«, erwiderte sie und grinste spöttisch.
     »Warst du so etwa beim Bäcker?«, fragte er und wies
auf ihre Kleider.

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»Selbst ist die Frau. Das im Küchenschrank mit dem
Fensterchen ist kein Aquarium. Man nennt es Backofen.«
     »Ach was. Wenn ich dich nicht hätte, würde ich wahrscheinlich
den Kühlschrank für eine Telefonzelle halten.«
     »An deine Wundermaschine habe ich mich allerdings
nicht getraut. Ich hab keine Lust, mir einen bösen Blick
einzufangen und mich wieder stundenlang im Kaffeekochen
einweisen zu lassen.«
     »Cappu?«, unterbrach er sie und schlurfte, ohne eine
Antwort abzuwarten, zur Espressomaschine.
     »Same procedure as every day, James!«, sagte sie und
beobachtete grinsend Andrés zur Schau gestellten Missmut.
Befriedigt nahm er zur Kenntnis, dass Irina die chromblinkende
italienische Siebträgermaschine schon eingeschaltet
hatte. Ein Blick auf den linken der beiden Manometer
und ein fast liebevolles Streichen über die außenliegende
Brühgruppe verriet ihm, dass seine Bezzera schon die notwendige
Betriebstemperatur erreicht hatte.
Rasch holte er Milch, Edelstahlaufschäumkännchen und
zwei dickwandige Cappuccinotassen. Er legte sich alles
zurecht und spülte Auslaufdusche sowie Dampfdüse. Dann
stellte er den schweren verchromten Siebträger mit dem für
die Marke Bezzera typischen Visconti-Wappen auf dem
Griff auf die Briefwaage unter der elektrischen Kaffeemühle,
wog exakt 16 Gramm frisch gemahlenen Kaffee ab und
füllte ihn ins Sieb. Mit einem massiven Tamper mit Wurzelholzgriff
drückte er das Kaffeepulver an und drehte ihn je
exakt eine halbe Umdrehung erst nach links und dann nach
rechts. Anschließend strich er sorgsam mit dem Finger die
Kaffeekrümel von der Kante des Siebträgers. Dann ließ er
ihn mit einem leichten Rechtsruck in die Bajonetthalterung
der Brühgruppe einrasten. Seine eben noch angespannten
                           
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Züge hatten sich auf wundersame Weise gelöst. Er genoss es,
mit routinierter Hand solchen kleinen Verrichtungen, die
er immer exakt nach dem gleichen Muster vollzog, nachzugehen.
Vor allem dann, wenn ausreichend Zeit war, präzise
und fast meditativ mit schönen ästhetischen Geräten
und Gegenständen zu Werke zu gehen. Auf sein Gesicht
legte sich ein kindlich zufriedenes Lächeln, als er den Auslasshebel
nach oben legte und zuschaute, wie aus der edlen
Maschine tiefbraun und sämig dampfender Espresso in die
schweren weißen Tassen rann. Genießerisch inhalierte er
den Kaffeeduft. Nun konnte der Tag beginnen.
Irina, die ihn die ganze Zeit beobachtet hatte, lachte.
     »Wenn du nur etwas hast, das du zelebrieren kannst – alter
Genießer.«
     »Nach fast 30 anstrengenden, hektischen Berufsjahren
steht mir das auch zu.«
André hatte vor drei Jahren den Job als Risikoanalyst
bei einem Frankfurter Bankhaus an den Nagel gehängt
und seine Passion, nämlich die Stadtgeschichte, zum neuen
Lebensmittelpunkt werden lassen. Seit einer intensiven
Ausbildung vor vier Jahren war er zum Stadtführer seiner
geliebten Heimatstadt Speyer avanciert. Mit dem Honorar
dafür, der Miete, die er von Irina für das Zimmer mit
Bad erhielt, und den Früchten einer kleinen Erbschaft, vermochte
er es, gut über die Runden zu kommen.
     »Du musst dich nicht wieder verkünsteln«, sagte Irina
nachsichtig lächelnd, als André gerade im Begriff war, durch
einige gezielte kleine Schwünge aus dem Handgelenk mit
der aufgeschäumten Milch ein feingliedriges Blatt auf die
Oberfläche des Cappuccinos zu zeichnen.
     »Das bin ich dir schuldig, nachdem ich dich schon versetzt
habe.«

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Irina nickte gönnerhaft.
     »Ecco il Caffè«, sagte André und stellte, einen italienischen
Kellner imitierend, die Tasse vor Irina auf den Tisch.
     »Ich merke, der alte Mann hat seine Betriebstemperatur
erreicht«, sagte Irina lachend.
André nahm sich seine Tasse, griff sich eines von Irinas
selbst gebackenen Cornetti und setzte sich ihr gegenüber.
Als sie ihren ersten Hunger gestillt hatten, teilten sie sich
wie ein altes Ehepaar die Tageszeitung.
Sie schnappte sich den vorderen Teil der Rheinpost mit
Politik und Wirtschaft, er den Regionalteil, der dahinter
folgte. Er tat dies ganz bewusst. Für ihn war es das Privileg
derer, die sich zur Ruhe gesetzt hatten. Sich nicht mehr mit
den großen Problemen der Politik und Wirtschaft zu belasten,
sondern sich den kleinen einfachen Dingen zu widmen, die
sich unmittelbar vor seiner Haustür hier in Speyer abspielten.
     »Hast du schon mitgekriegt, euer Einheitskanzler ist gestern
gestorben?«
     »Wie? Wer?«
     »Na, Gorbis Freund.«
     »Du meinst Helmut Kohl?«
     »Ja, wen sonst?«
     »Oh!«, seufzte André betroffen.
     »Wie kommt es eigentlich, dass ein Mann wie er so wenig
präsent bei euch ist?«
     »Na ja, seine Amtszeit liegt schon lange zurück, und am
Ende war da diese Parteispendenaffäre.«
     Irina lachte und schüttelte ihren Kopf. »Ihr habt schon
eine merkwürdige Art, mit euren Nationalhelden umzugehen.
Hätte er Russland wiedervereinigt, würde wahrscheinlich
auf jedem Marktplatz eine meterhohe Statue von
ihm stehen.«

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André lächelte. »Wahrscheinlich hast du recht. In
Deutschland hat man ein traumatisches Verhältnis zu Nationalhelden
aller Art.«
     »Wie ich euch kenne, werdet ihr erst in 100 Jahren wissen,
was ihr an ihm hattet. In Deutschland muss man tot
sein, wenn man verehrt werden will. Was für eine merkwürdige
Geschichtsauffassung.«
     »Ich für meinen Teil weiß, was wir an ihm hatten. Er gab
uns ein europäisches Lebensgefühl. Es kommt nicht von
ungefähr, wenn viele Menschen einen gewissen europäischen
Stolz entwickelt haben. Was wären wir ohne italienischen
Espresso, das französische Savoir-vivre, britische
Noblesse, spanischen Wein …«
     »… und natürlich die Anmut slawischer Frauen«,
ergänzte Irina lachend.
André fiel mit in ihr Gelächter ein.
     »Und ist es bei euch anders? Hat Gorbatschow noch
viele Fans?«
     »Mich schon. Ohne ihn würde ich hier nicht studieren.
Aber manche sagen, er hat Russland kleingemacht. Gerade
die russischen Nationalisten sind nicht gerade begeistert
von ihm und natürlich auch nicht von Kohl. Man wirft den
beiden vor, für das Auseinanderbrechen der Sowjetunion
verantwortlich zu sein.«

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5. Sputnik

Dienstag, 20. Juni 2017, 20.25 Uhr



»Verschwinde, du Schlampe!« Mit einem Fußtritt beförderte
der Hüne, der den Decknamen Sputnik trug, die zierliche
Asiatin aus dem Bett.
Das nackte Mädchen rappelte sich vom Boden auf die
Füße und rieb sich die Hüfte. Sie stand einen Augenblick
unschlüssig neben dem mit rotem Satin überzogenen Bett.
     »Und mein Geld?«, fragte sie mit dünner Stimme.
     Der muskulöse Mann mit dem großen Totenkopftattoo
auf der Brust lachte dröhnend. »Geh weg, du Amateurnutte,
sonst hole ich mir, was ich will. Und sag unten Bescheid,
dass ich eine neue Frau brauche. Eine, die sich nicht so ziert                                                 
wie du und die es auch ohne Gummi mit mir treibt. Los
lauf, sie soll einen Wodka mitbringen!« Mit seinen letzten
Worten ließ er einen 200er vors Bett segeln. »Der ist für den
Wodka, nicht für dich, du dummes Stück.«
Das Mädchen bückte sich linkisch nach dem Geldschein.
Sie zitterte am ganzen Körper. Eilig zog sie sich ein knappes
rotes Kleid über, schnappte sich ihre Unterwäsche und
verließ den Raum.

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Ein überlegenes Grinsen huschte über sein pockennarbiges
Gesicht.
Wenige Minuten später erschien eine füllige Blondine
mit einer Wodkaflasche unterm Arm in der Tür. »Man hat
mir gesagt, du suchst eine richtige Frau«, säuselte sie mit
kaum überhörbarem, laszivem osteuropäischem Akzent
und reichte ihm die Flasche.
     Der Hüne zog genüsslich an der Zigarette, die er sich
gerade angezündet hatte, und musterte sie. »Dreh dich um!«
     Sie tat, was er ihr befohlen hatte, und blieb mit emporgereckten
Brüsten und in die Seiten gestemmten Armen vor
ihm stehen. »Hier ist Rauchen verboten!«, sagte sie ohne
sichtbare Scheu.
     Er zog die Zigarette aus dem Mund und schnippte sie
ihr vor die Füße.
     Eilig hob sie sie auf und versenkte sie im halbvollen Sektglas
ihrer Vorgängerin.
     »Los, zieh dich aus, Schlampe!«
Während sie sich vor ihm langsam auszog und ihm
stolz ihre üppigen Brüste präsentierte, trank er einen tiefen
Schluck aus der Wodkaflasche.
     »Was ist das für ein elendes Zeug?«, mit angeekeltem
Gesichtsausdruck ließ er die nur noch zu zwei Dritteln
gefüllte Flasche auf den Teppichboden kullern.

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Sie ignorierte seine Bemerkung und beugte sich nackt
über ihn und bot ihm ihre gewaltige Oberweite dar.
     »Komm schon, zeig, was du drauf hast, geiles Stück«,
sagte er und zog sie zu sich.
     In diesem Moment klingelte sein Handy. Er horchte auf
und nestelte mit der großen Pranke das kleine Gerät aus der
neben dem Bett auf dem Boden liegenden Hose. Er blickte
aufs Display und seine Züge wurden ernst.
     »Verschwinde, es ist geschäftlich!«
     »Lass sie warten, wir haben was Besseres vor«, raunte
sie süßlich.
     Er grinste wölfisch. »Du hast es wohl nötig? So wie du
aussiehst, wirst du wohl heute kaum noch einen anderen
finden. Trotzdem, Schluss jetzt!«
     »Und meine 200 Euro?«, setzte sie nach.
     Sie hatte kaum ausgesprochen, klatschte sein Handrücken
auf ihre Wange. »Hast du nicht gehört? Raus!«, brüllte
er mit heiserer Stimme.
     Mit der Hand an der roten Wange, ihre Kleider vor ihren
nackten Leib haltend, verließ sie unverrichteter Dinge das
Zimmer.
     »Privjet Major! … Da … Da … Njet … Speyer … Da …
Do svidanija Major!«
     Schon nach wenigen Sekunden war das Telefonat beendet.
So kurz, dass kein Geheimdienst der Welt nachvollziehen
konnte, woher es wirklich gekommen war.

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Der Hüne mit dem Pockengesicht erhob sich drahtig aus
dem Bett und lief mit dem Handy in der Hand nackt in das
kleine Bad. Mit geübten Griffen öffnete er mit seinen Pranken
das Handygehäuse, entnahm die SIM-Karte und warf
sie in die Toilettenschüssel. Danach pinkelte er mit einem
dicken gelben Strahl und machte sich einen Spaß daraus, die
in der Schüssel schwimmende SIM-Karte zu treffen. Als
er fertig war, betätigte er die Wasserspülung, wandte sich
zum Waschbecken um, sog grunzend Luft durch die Nase
und rotzte einen Batzen Schleim hinein. »Mahlzeit«, sagte
er stolz, sein kleines grünes Werk auf dem weißen Porzellan
begutachtend.

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